Dezember 8, 2021

Die Novemberpogrome 1938

Am 9. November 2021 ist der jährliche Gedenktag der Novemberpogrome vom 9 bis 10. November 1938. Diese markieren den Übergang von der seit 1933 existierenden Diskriminierung der jüdischen Bevölkerung zu ihrer systematischen Verfolgung. Viele kennen eher die Begrifflichkeit „Reichskristallnacht“, die auch in Schulen noch vermehrt gelehrt wird. Diese ist allerdings verharmlosend und nicht korrekt, da die Gewaltaktionen auch tagsüber stattgefunden haben. Zudem bezieht sie sich nur auf die entstandenen materiellen Schäden.
 

Nach den staatlich angeordneten Boykottaktionen gegen jüdische Geschäfte ab April 1933 und den Nürnberger Gesetzen 1935 kam der antisemitische Nazi-Terror zum vorläufigen Höhepunkt. Unmittelbar vor den Novemberpogromen fand eine Massenabschiebung statt, bei der ab dem 28. Oktober 1938 ca. 17.000 Jüd:innen mit polnischer Staatsbürgerschaft gewaltsam über die deutsch-polnische Grenze deportiert wurden. Doch nicht allen wurde die Einreise nach Polen gewährt. So mussten ca. 7000 Menschen im Flüchtlingslager in Zbąszyń bleiben. Bereits am 7. November 1938 begannen die ersten gewaltsamen Aktionen gegen Jüd:innen und Angriffe auf Synagogen, als auch auf Wohnungen und Geschäfte.

Was geschah am 9./10. November 1938?

Die NSDAP-Parteiführung traf sich am 9. November 1938 und gedachte wie jedes Jahr in München des missglückten Hitlerputsches. Dort erfuhr Reichskanzler Adolf Hitler vom Tode Ernst von Raths und besprach sich mit Propagandaminister Joseph Goebbels. Goebbels hielt eine antisemitische Hetzrede vor den Partei- und SA-Führern, wo Rache und Vergeltung gefordert wurden. Er äußerte, dass die Partei nicht als Organisator antijüdischer Aktionen in Erscheinung treten wolle, aber diese dort, wo sie entstünden, auch nicht behindern werde. Von den Zuhörenden wurde dies als Befehl interpretiert und es folgten daraufhin Anweisungen an die Partei- und SA-Stellen, in denen die Zerstörung von Synagogen und jüdischen Geschäften angeordnet wurde.
 

Große Truppen der SA, der SS, der NSDAP und Teile der deutschen Bevölkerung entzündeten in der Nacht bis hin zum Nachmittag des Folgetages über 1.400 Synagogen und Gebetshäuser in Deutschland und Österreich.  Mehrere Tausend Geschäfte wurden verwüstet. Zudem stürmten SA und SS in Privatwohnungen und zerstören diese. Jüd:innen wurden öffentlich terrorisiert, gedemütigt und misshandelt. Während und unmittelbar in Folge der Pogrome starben über 1.300 Menschen. Ungefähr 30.000 männliche Juden wurden verhaftet und in die Konzentrationslager Buchenwald, Dachau und Sachsenhausen gebracht. Die Pogrome wurden am Nachmittag des 10. Novembers von Goebbels mit der Äußerung beendet, dass es eine „berechtigte und verständliche Empörung des deutschen Volkes über den feigen Meuchelmord an einem Diplomaten“ gewesen sei.

Was waren die Folgen?

Reichswirtschaftsminister Hermann Göring berief am 12. November 1938 eine Besprechung über das weitere Vorgehen mit der jüdischen Minderheit ein, mit dem Ziel, sie zur Emigration zu zwingen. Es wurde beschlossen, dass die Opfer für den ihnen zugefügten Schaden von geschätzten 225 Millionen Reichsmark selbst aufkommen müssen. Die Höhe der zu erbringenden „Sühneleistung“ betrug eine Milliarde Reichsmark. Das Geld wurde vom Finanzamt eingetrieben. Jede:r Jude/Jüdin mit mehr als 5.000 Reichsmark Vermögen musste 20 Prozent an das Deutsche Reich abgeben. Des Weiteren verkündete man die „Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben“. Damit wurde schließlich ihre systematische Vernichtung angekündigt. So flüchteten bis zum Kriegsbeginn am 1. September 1939 etwa 200.000 Jüd:innen aus Deutschland.
 
Die Novemberpogrome sind mittlerweile 83 Jahre her, doch überall in Deutschland werden sie heute noch zum Thema von alljährlichen Gedenkveranstaltungen. An die historischen Verbrechen des Faschismus zu erinnern, stellt nämlich eine Notwendigkeit für den heutigen antifaschistischen Kampf dar. 

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