Januar 22, 2022

Profit über Leichen bei VW

Ein Artikel der Betriebszeitung „Vor-Wärtsgang“ mit dem Titel „Grenzenlos pietätlos“ sorgte in den letzten Wochen vermehrt für Aufmerksamkeit. Berichtet wird von einem 59-jährigen VW-Mitarbeiter aus Wolfsburg, der während der Nachtschichtarbeit am 10.12.2019 an Herzversagen verstarb.

Damit das Band nicht zum Stoppen kommen sollte, befahl der Vorgesetzte den Arbeitern weiterzuarbeiten. Der Leichnam wurde wenige Meter neben dem Fließband abgedeckt. Man arbeitete etwa zwei Stunden neben dem Leichnam weiter bis die Polizei und die Bestatter kamen.

Ein Ausschnitt des Artikels „Grenzenlos pietätlos“ zeigt, wie menschenverachtend während des Todesfalls seitens der Vorgesetzten gehandelt wurde: „Die Kollegen mussten dann an ihm vorbeifahren, um die Linie zu versorgen. Als sich einige über diesen Zustand erregten, wurden sie vom Meister mit den Worten zur Arbeit geschickt: „Der ist eh tot, der merkt nichts mehr!“. Ein weiterer merkte noch an: ‘Wenn die Alten sterben, ist mehr Platz für die Jüngeren!“

Der Vorfall ereignete sich im Dezember 2019 und wurde lange geheim gehalten, bis im Februar dieses Jahres auf Facebook und Twitter der Artikel „Grenzenlos pietätlos“ erschien. Kurze Zeit später bestätigt die Presseabteilung des Automobilkonzerns Volkswagen den Todesfall. Als Begründung zum Weiterlaufen des Bandes sagte ein VW-Sprecher: „Ein Flugzeug fliegt auch weiter, wenn darin jemand stirbt und auch die Bahn fährt bis zum bis nächsten Bahnhof weiter“ (…) „Ein Stopp der Linie hätte „einen Rattenschwanz“ nach sich gezogen, der sich auch auf die Bänder davor und dahinter ausgewirkt hätte“ (…) „Man müsse sich dies wie bei Zahnrädern, die ineinandergreifen vorstellen.“
Obwohl bekannte Journalseiten, wie beispielsweise von „Focus“ oder auch schweizerische Journalseiten über diesen Vorfall berichteten, erreichte dieser Skandal nicht viel an Aufmerksamkeit. Außerdem blieben gemeinsame Anfragen zum Todesfall seitens der Stiftung Ethecon und Aktion/Arbeitsunrecht an den VW-Konzern bis heute unbeantwortet.

Auch der Betriebsrat und die IG-Metall Wolfsburg schweigen bis heute zum Todesfall. Offenbar sind sie am Todesfall nicht interessiert. In einem Telefongespräch seitens Aktion/Arbeitsunrecht und einem Vertreter des Betriebsrats antwortete man zum Todesfall: „Ich kenne ihren Verein gar nicht, ich muss ihnen gar nichts sagen“ und beendete das Gespräch mit „Recherchieren Sie mal besser!“.
Der IG-Metall Wolfsburg sei der Fall nicht bekannt und es würden ihnen keine Informationen vorliegen.

Solange der Betriebsrat und die Gewerkschaft ihr Schweigen nicht brechen und ihre Mittel, die ihnen zur Verfügung stehen, nicht nutzen, wird dieses menschenverachtende Handeln seitens VW-Konzern detaillos in Vergessenheit geraten. Erinnern wir uns, dass Gewerkschaften und Betriebsräte Arbeitnehmervertreter sind. Sie sollten jederzeit die Arbeitsrechte, die Sicherheitsvorkehrungen im Betrieb und die Gesundheit der Arbeiter an vorderster Stelle ihrer Aufgaben sehen. Doch wenn sich Arbeitervertreter immer mehr und mehr von Werktätigen isolieren und entfremden, so werden sie auch nie die eigentlichen Probleme in den Betrieben sehen können.
So werden die Vertreter der Arbeiter in diesem rücksichtslosen Todesfall zu den Vertreter der Konzernchefs!

VW-Arbeiter werden seitens des Konzerns nicht als soziale Wesen, sondern als reine Arbeitskraft gesehen. Fällt eine Arbeitskraft aus, so wird sie von einer neuen ersetzt. In dem Fall geht es bei VW nicht um den Arbeiter als Mensch, sondern um das nicht Stoppen des Bandes, d.h. um das nicht Stoppen des Profits, welcher über Menschenleben geht.

Der 59-jährige Kollege wäre sicherlich in wenigen Jahren in Renten gegangen, wofür er sein Leben lang geschuftet hatte. Doch solange sich die Zahnräder in den großen Betrieben drehen und die Fließbänder nicht zum Stoppen kommen, so wird die menschliche Arbeitskraft wie das Wechseln einer Schraube an einer Maschine ersetzt.

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