April 10, 2021

Teil 2: Interview – „Sie schulden uns eine Jugend!“

Gestern wurde der 1. Teil des Interviews mit den in Berlin lebenden Absolvent:innen der Boğaziçi Universität veröffentlicht. Jeden Samstag organisieren diese in Berlin Solidaritätskundgebungen und erfahren Zuspruch. Dies sind ihre Gedanken zum Widerstand.

5. Habt ihr Kontakt zu den Studierenden in der Türkei? Wie sieht eure Unterstützung
diesbezüglich aus?

Nihal: Natürlich schlägt unser Herz international. Wir wollen aber eigentlich Europa zeigen, was in der Türkei passiert und wir wollen die hiesigen Stimmen der dortigen Studierenden sein. Wir sind aber selbstverständlich mit den Studierenden oder mit anderen Organisationen von dort in Kontakt. Wir überbringen z.B. ihre Videos, ihre Proteste und ihre Nachrichten. In der Türkei sind die Studierenden gerade ungefähr bei ihrem 50. Protesttag. Aber aktuell ist es so, dass an Wochenenden Ausgangssperren gelten. Deshalb organisieren wir unsere Kundgebungen immer am Wochenende, um die Dauerhaftigkeit der Proteste zu zeigen. Während die Studierenden dort also gezwungenermaßen am Wochenende zu Hause sitzen, lassen wir sie über eine Live-Übertragung an den Protesten hier teilnehmen. So entsteht eine Dauerhaftigkeit. Aber nicht nur in Berlin wird protestiert – auch in Paris, in Österreich und auch in Amerika gibt es Proteste. Ich möchte betonen, dass wir bei jeder Kundgebung die Namen der Festgenommenen verlesen und mit „hier“ antworten. Sie haben diese Videos gesehen und haben uns mitgeteilt, dass sie sichtlich berührt waren. Wir haben ihnen diese Woche außerdem Postkarten ins Gefängnis zugesendet. Das Wichtigste ist, ihnen irgendwie sagen zu können: „Wir sind bei euch und ihr habt in Berlin ein zu Hause!“. Das Wichtigste ist, dass sie fühlen, dass wir bei ihnen sind. Das ist derzeit unsere größte Pflicht.

Mehmet: Ich kann mir die Bewegung auch gar nicht unabhängig von der Türkei vorstellen. Wir verfolgen und beobachten selbstverständlich die dortigen Proteste. Je nach dem richten wir unseren Protest aus. Wir versuchen uns anzupassen. Wir versuchen, ihnen den Vortritt zu geben. Wir dürfen aber auch nicht vergessen, dass es unter uns auch welche gibt, die gar keinen Kontakt zu den Studierenden an der Boğaziçi Universität haben. Wir haben uns eher über persönliche Freundschaften und über den Wunsch zu unterstützen organisiert. Es gibt also keine offizielle Berliner Gruppe, die sich direkt mit den Studierenden in Kontakt setzt. Jede Gruppe im Ausland ist für sich und organisiert das auch für sich. Die einen schauen auf die anderen und wir lernen voneinander.

6. Gibt es Unterstützung von der hier lebenden türkeistämmigen Community?

Nihal: Auf jeden Fall gibt es diese Unterstützung. Es kamen auch Vertreter:innen bestimmter Parteien. Wir haben sowieso auf jeder Kundgebung ein offenes Mikrofon. Jede Person, die auf die Kundgebung kommt, kann das Wort ergreifen. Bei uns gibt es da keine Zensur. Bestimmte politische Parteien kommen, aber auch ältere, nicht organisierte Menschen sind am Start. Vertreter:innen aus der kurdischen Bewegung kommen auch. Mitglieder der Partei die Linke kommen auch schon mal. Auch Menschen aus der LGBTQ-Community schauen vorbei. Es ist also eine Kundgebung, die sehr verschiedene Gruppen zusammen bringt und genau das gestaltet sich als schwierig. Wir versuchen etwas Überparteiisches zusammenzubringen.

Mehmet: Da die hier lebende Anzahl von Türkeistämmigen stark ist, ist das Interesse entsprechend groß. Das Herz vieler hier lebenden Türkeistämmigen schlägt in der Türkei. Von daher gibt es eine große Anzahl an Teilnehmenden und Unterstützer:innen.

7. Weckt ihr das Interesse der deutschen Presse?

Mehmet: Auf einem Treffen von uns vor ca. zwei Wochen, als wir die Zukunft unserer Proteste besprachen, fiel uns aus, dass der Protest der Studiernden erst jetzt in Europa zum Gesprächsstoff wird. In der Türkei hingegen hat sich die Tagesordnung bereits geändert. Wir versuchen eigentlich schon seit acht Wochen die Aufmerksamkeit der Presse zu erreichen, aber erst jetzt haben wir das geschafft. Erst jetzt haben einige Medien unsere Anfragen gelesen und schreiben uns – z.B. die faz oder Deutschlandfunk. Neulich hatten wir eine Livesendung bei “Avrupa Forum”.

Nihal: Es gibt auf jeden Fall Medien, die uns von Anfang an unterstützen. Nicht nur die deutschen Medien, auch internationale Medien, z.B. aus den USA, versuchen über soziale Medien den Kontakt zu uns herzustellen. Manchmal gibt es auch diejenigen, die z.B. zu einem bestimmten Thema forschen und uns deshalb kontakieren. Da filtern wir auch schon mal die Anfragen. Manchmal gibt es eben diejenigen, die allgemein über uns berichten wollen und manchmal diejenigen, die in Bezug auf bestimmte Themen über uns berichten wollen z.B. zur LGBTQ. Auch werden wir Berliner gerne als “Brücke” zu den Studierenden in der Türkei gesehen und deshalb angeschrieben, um den Kontakt zu den in der Türkei lebenden protestierenden Jugendlichen herzustellen.

 

8. Zum Schluss: Gibt es noch etwas, was wir gerne noch sagen wollt?

Nihal: Ganz oft beschränken wir uns auf die Entlassung von Melih Bulu. Aber meint ihr wirklich, es wird sich etwas ändern, wenn Melih Bulu weg ist? Nein. Sie schulden uns eine Jugend! Und so wie ein Freund aus dem Gefängnis gesagt hat: “Weder ihr seid draußen noch wir hier eingesperrt”.

Mehmet: Die Entlassung von Melih Bulu stellt sich vielmehr als ein Tropfen Wasser auf die brennende Ungerechtigkeit dar.

 

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