Juli 14, 2024

Domenico Mimmo Lucano – 13 Jahre Gefängnis für Geflüchtetenhilfe!

Geflüchtetenhilfe: Vor Jahren noch ein Grund gewesen, diese Menschen heilig zu erklären, sie als Helden der Vergangenheit zu feiern oder als Menschen zu bezeichnen, die sich selbstlos für die guten Werte der Menschheit einsetzen. Jeder erzählte stolz abends beim Zusammensitzen, was sie oder er für die ankommenden Menschen machen würde. Heute? Heute wird der Flüchtlingshelfer zum Schmuggler erklärt, zum Illegalen, zum Straftäter. Egal ob Seenotretter oder Bürgermeister. Sie können alle in der Berichterstattung der Medien und der Politik zu Kriminellen erklärt werden.

So auch im Fall Domenico Lucano, von seinen Begleitern kurz Mimmo genannt. 2004 wurde der ausgebildete Lehrer Bürgermeister in der süditalienischen Kleinstadt Riace; eine Stadt mit einem typischen Phänomen für eine mediterrane Kleinstadt, geprägt von der Landflucht und der Auswanderung. Junge Menschen sahen vor Ort eine Perspektivlosigkeit. Zurück blieben alte Leute, wenig Arbeitskräfte und der wirtschaftliche Niedergang. Doch Mimmo hatte eine Idee. Er wollte den Ort durch die ankommenden Geflüchteten wiederbeleben. Den Menschen wurden Häuser, Arbeit und die Möglichkeit gegeben, in Europa ein Leben aufzubauen. 

Das sogenannte ‚Modell Riace‘ sah die Ansiedelung von 450 Migrant:innen in dem 1.800 Menschen zählenden Ort Riace vor. Er stellte „irregulären“ Migrant:innen die verlassenen Häuser im Dorf zu Verfügung. Von der Regierung gab es dafür, wie anderswo in Italien auch, 35€ pro Person täglich. Geld, welches Lucano, im Unterschied zu anderswo, für sein Konjunkturpaket nutzte. Es entstanden Handwerksbetriebe mit Jobs für Einheimische und Migrant:innen, die Dorfschule öffnete wieder und eine Geflüchtetenhilfe wurde aufgebaut. Damit wurde sogar ein Gewinn erwirtschaftet, der wiederum in die Aufwertung des Ortes investiert wurde. 

International erregte Lucano mit seinem Konzept Aufmerksamkeit und wurde mit diversen Auszeichnungen versehen. Doch in Italien geriet er in die Missgunst der rechten Regierung und ins Visier der italienischen Justiz. Unter anderem wegen Beihilfe zur illegalen Einwanderung, Amtsmissbrauch, krimineller Vereinigung, Betrug und Erpressung wurde er 2021 zu 13 Jahren Haft verurteilt. Damit wurde die von der Staatsanwaltschaft geforderte Haftstrafe von sieben Jahren und zwei Monaten sogar fast verdoppelt. Außerdem soll er EU-Gelder in Höhe von 500.000€ zurückzahlen. Konkret wird ihm die Organisation von Scheinehen für den Verbleib von Frauen, deren Asylantrag abgelehnt worden war, vorgeworfen. Außerdem habe er die Abfallentsorgung im Dorf nicht öffentlich ausgeschrieben, sondern an Genossenschaften für Migrant:innen vergeben. 

Lucano selbst hatte bis zuletzt mit einem Freispruch gerechnet, sah sich als Anti-Mafia Kämpfer und Aktivist für Geflüchtete. Er lebte einfach und seine Frau arbeitet als Putzhilfe. Korruption soll es wohl gegeben haben, ob Lucano aber darin verwickelt war, ist fraglich. In abgehörten Telefonaten war zu hören, wie er sich bei Unternehmen über verschwundene Gelder aufregte und versuchte festzuhalten, wie die Geldströme laufen. Nach wie vor wartet er auf die endgültige Bestätigung seines Urteils. Er hat bereits angekündigt, dieses anzutreten und seine Werte weiter aufrechtzuhalten. So spricht Lucano noch regelmäßig auf Seminaren und nimmt an Demonstrationen für die Rechte von Geflüchteten in Italien teil.