Juli 14, 2024

Die neue Rechte – Kooperation zwischen rechten Migrant:innen und Nazis?

Im März kam es in Bochum zu einem Angriff auf ein besetztes Gebäude. Das sogenannte Haldi47 wurde mit Steinen beworfen, mit rechtsradikalen Sprüchen besprüht, Menschen wurden mit Pfefferspray angegriffen und mit Schreckschusspistolen bedroht. Was neu war, waren die begleitenden Rufe von türkischen Faschisten während des Angriffs. Wie ist das zu interpretieren?

Das Ganze ist in einem größeren Trend einzuordnen, der sich seit einiger Zeit bemerkbar macht. Rechte Strukturen unterschiedlicher Herkunft betreiben zusehends den Schulterschluss. Deutsche Neonazis verbünden sich bewusst mit rechten Menschen mit Migrationsintergrund. Gemeinsame Ideale und ein Image des eigentlich „sehr korrekten“ Neonazis werden geschaffen. 

In der neuen Rechten verbreitet sich damit immer mehr das Verständnis, das Migration in Deutschland bzw. Europa kaum mehr rückkehrbar ist. Zwei Bewegungen entstehen: die eine versucht weiter das Feindbild Islam als etwas unvereinbares mit der deutschen westlichen Kultur aufzuzeigen, die andere fordert „die demografischen Realitäten eines Einwanderungslandes anzuerkennen und mit Gleichgesinnten eine rechte, multiethnische Gesellschaft zu gründen“.

Ein anderes Beispiel für die neue Bewegung gibt es aus Österreich. Dort plant der österreichische Faschist Martin Sellner gemeinsame islamfeindliche Kundgebungen mit ehemaligen Agitatoren der islamistischen Al-Kaida. Auch erste literarische Beiträge gibt es zu dem Thema. Dabei ist der Ansatz keineswegs etwas Neues. Schon Hitler arbeitete an einem Bund zwischen Nationalsozialisten und dem Großmufti von Jerusalem, Mohammed Amin al-Husseini. Gemeinsame Nenner werden gefunden, damals war es der Antisemitismus. Im Balkan wurden muslimische SS-Legionen ausgebildet, in Deutschland islamische Schulungszentren. heute ist es der Kampf gegen das „Regenbogenimperium.“ Ein anderer Ansatz ist ein rassistisches ethnokulturelles Konzept: Arabien den Arabern, Deutschland den Deutschen und die Türkei den Türken. Das auf Homogenität basierende Konzept der Reconquista (= Rückeroberung Europas), getragen vor allem von Gruppen wie der Identitären Bewegung oder der zuletzt in Düsseldorf aufgetretenen Revolte Rheinland scheint ins Schwanken zu geraten. 

Unter Jugendlichen ist ein anderes Beispiel viel populärer: der rechte Influencer Steven Feldmann. Dieser inzwischen verurteilte Neonazi aus Dortmund wurde sogar zum gemütlichen Chat mit Live-Übertragung von Rapper Manuellsen (Gangster Rapper)  oder Ahmed Sharif (Youtube Influencer) eingeladen. Begleitet wurde das Treffen mit Sätzen wie: „Scheiß auf Politik, Bruder, lass lieber ne gute Zeit haben“ und „Ihr seid stabile Jungs. Ich feier das. Ihr haltet zusammen. Aber fürs falsche Ende, wenn du mich fragst.“ Tausende von Menschen, vor allem Jugendliche, haben sich das Video inzwischen angeguckt. Feldmann gibt bewusst rechte Kommentare, wird aber nur bedingt mit Gegenkritik bedient. Stattdessen stehen die Männerfreundschaft und Gemeinsamkeiten wie das „stabil sein“, die Ehre oder der Kampfsport im Fokus.

Hierdurch wird bewusst Nazis für Klickzahlen eine Plattform gegeben, eine Plattform für mehr Akzeptanz in der Gesellschaft für rechte Ideologien. Die Straße hört zu und die Idee von Kampfsport, und den „hinterhältigen Angriffen“ der Antifa kommt an. Viele Jugendliche, auch mit Migrationshintergrund, sind begeistert. Faschisten aus dem türkischen Lager der Grauen Wölfe gehen plötzlich Allianzen mit Neonazis ein. Es handelt sich hierbei um eine äußerst gefährliche Entwicklung, die es zu entlarven und zu bekämpfen gilt, denn während der Faschismus immer mehr Wege in die breite Masse findet, darf eine antifaschistische Gegenantwort nicht auf sich warten lassen.