Juli 18, 2024

Lisa Fittko – Als Schleuser noch Helden waren

Schlepper? Schleuser? Schmuggler? Sie alle werden heute von Medien und Politik als der Abschaum der Gesellschaft betitelt, kriminalisiert und als die Gründe für illegale Migration nach Deutschland dargestellt. 

Historisch gesehen wurden jedoch Schleuser medial ganz anders dargestellt. Ein Beispiel für diese Darstellung sind Fluchthelfer:innen über die einst deutsch-deutsche Grenze. Ein anderes Beispiel sind die Held:innen während der Zeit des Hitlerfaschismus in Deutschland. Ob Oskar Schindler oder Berthold Beitz; einige dieser Menschen wurden als sogenannte „Judenretter“ berühmt. Zuletzt hatte sich Borderline Europe eine Organisation, um gegen die Kriminalisierung von Schleusern zu kämpfen, an dem Namen einer ganz anderen Widerstandskämpferin orientiert: Lisa Fittko.

Fittko kam aus Österreich, war Sozialistin und musste daher selber emigrieren. Sie floh nach Marseille, suchte dort mit ihrem Mann, welcher vorher als Fluchthelfer an der deutsch-tschechischen Grenze aktiv gewesen war, im unbesetzten Süden Frankreichs Schutz vor den Hitlerfaschisten. Marseille galt als Sammelbecken für Leute auf der Flucht und großer Hafen in eine sichere Welt. Fittko war aufgrund ihres antifaschistischen Widerstandes schon 1933 zur Flucht gezwungen worden und durchquerte dabei halb Europa, mit Aufenthalten in Berlin, Prag, Basel, Amsterdam und schließlich Paris. Als Frankreich kapitulierte, kam Panik auf. Es entstand ein Chaos von Fluchtversuchen, angeblichen Fluchtangeboten, Schlangen vor den Botschaften und neuen Rettungswegen. Fittko war zwischenzeitlich inhaftiert worden, konnte aber fliehen. Mit Hilfe eines sozialistischen Bürgermeisters öffnete sie eine neue Fluchtroute und wurde somit offiziell Fluchthelferin. 

Vom französischen Banyuls fand sie einen Schleichweg über die Pyrenäen nach Spanien. Als ersten Flüchtling verhalf sie dem Philosophen Walter Benjamin zur Flucht. Er nahm sich nach einer erfolgreichen Flucht jedoch in Spanien auf Druck der spanischen Polizei, welche eine Rückführung nach Frankreich wollte, das Leben. Mehrere Hundert Menschen folgten auf diese erste Flucht nach Spanien. Zusammen mit dem Amerikaner Varian Fry vom „Emergency Rescue Committee“ organisierte sie die Flucht vieler Prominenter, unter ihnen Namen wie Hannah Arendt, Lion Feuchtwanger, Heinrich Mann, Max Ernst und Franz Werfel. Sie selbst und ihr Mann flohen 1941 nach Kuba, später in die USA. Sie arbeitete an der Universität in Chicago und widmete ihr Engagement der amerikanischen Bürgerrechts- und Friedensbewegung.

Die einstige Fluchtroute durch die Pyrenäen ist heute als Wanderroute unter dem Namen „Chemin Walter Benjamin“ markiert und mit einer Gedenkstätte ausgestattet. Ihre Erinnerungen hielt Lisa Fittko in dem Buch „Mein Weg über die Pyrenäen“ fest. Von Bundespräsident von Weizsäcker wurde sie letztendlich mit dem Bundesverdienstkreuz für ihre Verdienste als Schleuserin geehrt

Heutzutage werden Schlepper an den EU-Außengrenzen, aber auch an den Grenzen Deutschlands, für ihre Taten ins Gefängnis gesperrt. Gleichzeitig zeigen sich die krassen Widersprüche, wenn in Polen Fluchthelfer:innen verfolgt werden, sobald sie belarussische Geflüchteten an der Grenze helfen, während ukrainischen Flüchtenden problemlos geholfen werden kann. Das alles zeigt, dass jede Darstellung politischer Natur ist und immer von den Interessen der Herrschenden des jeweiligen Landes geprägt sind. Geflüchtete aus anderen Ländern werden als Menschen zweiter Klasse betrachtet, während die Hilfe für ukrainische Geflüchtete zur imperialistischen Politik und Strategie gehört.