Juli 18, 2024

50 Jahre Generalstreik gegen den Rassismus – Als Frankreich stillstand

Am 3. September 2023 jährte sich der „Generalstreik gegen den Rassismus“ zum 50. Mal. Damals wehrten sich algerische Arbeiter in Marseille gegen den rechten Terror, der bis heute in der französischen Gesellschaft vorherrscht. Es war eines der wichtigsten Ereignisse für migrantische Kämpfe gegen Rassismus und Polizeigewalt in Frankreich. Häufig als Fortsetzung des Algerienkrieges interpretiert, ist der Streik auch als eine Folge des institutionellen Rassismus und der Antimigrationspolitik Frankreichs zu verstehen. Nachdem der Algerienkrieg offiziell 1962 mit der Unabhängigkeit Algeriens geendet hatte, war auf Seiten der rechten Franzosen die Wut auf die Niederlage groß. Diskriminierung und Rassismus gegenüber den Algerier in Frankreich waren die Folge. Der Tod des 17-jährigen Nahel Merzouk durch die Schüsse französische Polizisten bei einer Verkehrskontrolle in Paris und als Reaktion die anschließenden Massenproteste im Juni 2023 zeigen, wie aktuell das Thema ist.

Im Sommer 1973 radikalisierte sich die Stimmung in Frankreich immer mehr. Es kam vermehrt zu Hetzjagden auf migrantischer Arbeiter, vor allem algerischer Herkunft. Im Juni brachte dann ein Ereignis das Fass zum Überlaufen. In der Kleinstadt Grasse protestierten die Sans Papiers – Menschen mit einer prekären Aufenthaltssituation im Land – gegen radikale Einschränkungen ihrer Freiheit und eine weitere Begrenzung der Arbeitsmigration nach Frankreich. Im Anschluss, geduldet durch den lokalen Bürgermeister, organisierte eine rechte Gruppe eine Hetzjagd in der Stadt gegen die Sans Papiers.
Auch in Marseille kam es nach der Ermordung eines Busfahrers durch einen Algerier zu mehreren Hetzjagden.

Die mediale Hetze nahm immer mehr zu und sprach von „algerischen Dieben“ und „algerischen Vergewaltigern“ und einer „wilden Migration“.
Das Ergebnis: In den nächsten Wochen gab es fast jede Nacht einen toten Nordafrikaner zu vermelden. Allein in Marseille waren es 17 Morde, in ganz Frankreich 50. Die Institutionen schauten weg, in einigen Fällen wurde der Polizei sogar ihre Beteiligung nachgewiesen. Die Polizei und die Justiz weigerten sich, den rechten Terror anzuerkennen. Viele sprechen hier von der Geburtsstunde des institutionellen Rassismus in Frankreich.

Am 28.08.1973, nach dem Mord an dem 16-jährigen Ladj Younes, rief das Mouvement des Travailleurs Arabes, MTA, zum Generalstreik gegen den Rassismus auf. 30.000 maghrebinische Arbeiter in der Region folgten dem Aufruf, obwohl er nicht von französischen Gewerkschaften unterstützt wurde. Schnell weiteten sich die Proteste auf ganz Frankreich aus. Die Antwort des französischen Staats: Wasserwerfer, Knüppelorgien der Polizei, fünf Schwerverletzte, 200 Verhaftete. Hinzu wurden die Streikenden durch rechte Gewerbetreibende als Faulenzer bezeichnet, die dem guten Ruf der Stadt schaden. Parallelen zu den jüngsten Protesten im Juni 2023 sind offensichtlich, wo der Staat und die Medien mit einer ähnlichen Argumentation versuchten, die Proteste zu dominieren.

Die Soziologin Rachida Brahim sieht vor allem drei Formen von Rassismus in Frankreich:
„Erstens die ideologische oder politische Gewalt, die rassistische Verbrechen charakterisiert, die von Anhänger:innen der radikalen Rechten ausgeübt wurden: Anschläge, Übergriffe oder Strafaktionen; zweitens in Alltagsszenen eingebettete situationsbedingte Gewaltakte, bei denen die Täter etwa vorgeben, ein Eigentum schützen zu wollen, das sie durch die Präsenz eines Nordafrikaners als bedroht ansahen; und drittens schließlich die disziplinarische oder Polizeigewalt, die rassistische Verbrechen kennzeichnet, die von Ordnungskräften ausgeübt wurden.“ Eins eint alle drei Formen der Diskriminierung: Sie sind systematisch und schematisch. Frei nach dem Titel ihres Buches: Die Rasse tötet zweimal. Sie wirft den Institutionen strukturellen Rassismus vor. So sagt sie: „Es sind das System, die Organisation und die Regeln einer Gesellschaft selbst, die zur Entstehung von Ungleichheiten und der damit verbundenen Gewalt beitragen“, fasst Brahim die Problematik zusammen.

Der Generalstreik ist ein geeignetes Mittel, um Rassismus deutlicher werden zu lassen. In den zentralen Sektoren der Arbeiterklasse wie der Eisenbahn, im Nahverkehr, in der Industrie (speziell der Fleischindustrie), der Baubranche, der Pflege und in den Krankenhäusern ist der migrantische Anteil unter den Beschäftigten sehr hoch. Auch in anderen Ländern gab es ähnliche Beispiele. In den USA kam es am 1. Mai 2006 unter den Mottos „Day Without an Immigrant“ und „Great American Strike“ zu einem großen Streik, als Millionen Menschen die Arbeit niedergelegt haben.