Juli 14, 2024

Mohamed Bouazizi – Der Funke zum arabischen Volksaufstand

„Seine Tat war der Funke, der den Flächenbrand entzündet und letztlich die ganze arabische Welt verändert hat“, schrieb Ibrahim al-Koni am 1. März 2011 im Tagesspiegel. Der 4. Januar sollte nicht nur das Leben von Mohamed Bouazizi, genannt Babousa, verändern, sondern auch den Rest der Welt, allen voran die arabischen Länder.

Mohamed Bouazizi wurde 1984 unter ärmlichen Verhältnissen in der zentraltunesischen Stadt Sidi Bouzid geboren. Nach dem frühen Tod seines Vaters musste der junge Gemüsehändler seine Mutter und seine fünf Geschwister ernähren. Mit 10 fing er an zu arbeiten und versuchte auch seinen Onkel auf dem Feld beim Anbau zu unterstützen. Dieser verschuldete sich aber und musste das Land schließlich an eine Bank abgeben. 

Ohne eine offizielle Genehmigung verkaufte Bouazizi schließlich mit seinem mobilen Wagen unweit der Hauptstadt Tunis sein Gemüse. Unklar ist bis heute, ob der Verkauf in der Kleinstadt, in der er wohnte, wirklich an eine Genehmigung gebunden war. Mit regelmäißig aufgenommenen Krediten kaufte er genug Waren, um diese am lokalen Markt anzubieten. Mit seinem Verdienst zahlte er das Studium seiner Geschwister. Bouazizi war bekannt und beliebt, da er unter anderem umsonst Gemüse und Früchte an bedürftige Familien abgab

Schon lange war er im Streit mit der lokalen Polizei, welche ihn regelmäßig belästigte. Mehrfach war sein Stand schon geschlossen worden. Dies passierte auch am 17. Dezember 2010. Sein Gemüsesstand wurde geschlossen, seine Produkte und seine Waage beschlagnahmt, seine eingereichte Beschwerde bei der Stadtverwaltung erfolglos abgelehnt und er auf der Polizeiwache misshandelt. Laut den Angaben seiner Familie wurde er bespuckt und geschlagen. Seine Verzweiflung erreichte einen so starken Punkt, dass er entschied, sich aus Protest selbst das Leben zu nehmen. Vor dem lokalen Regierungsgebäude, wo er mit seinem Anliegen zuvor abgewiesen worden war, übergoss er sich schließlich mit Benzin und zündete sich an. Er erlitt schwere Verbrennungen und wurde im Krankenhaus notbehandelt. Dennoch verstarb er am 04.01.2011 in Folge seiner Verbrennungen im Alter von nur 26 Jahren. 

Bouazizis Beerdigung wurde zum Protestmarsch. Die Leute sahen ihn als Märtyrer und schworen Rache. Seine Tat fand Nachahmer im Maghreb und darüber hinaus. In Tunesien wurde er zum Symbol des arabischen Frühlings, einer Protestwelle, welche sich schnell im ganzen arabischen Raum ausbreitete. Nachdem sich die Proteste zuerst auf Sidi Bouzid konzentrierten, breiteten sie sich schnell auf ganz Tunesien aus. Als Folge auf seinen Tod folgten Massenproteste, welche schließlich den Diktator Ben Ali dazu zwangen, sein Amt niederzulegen. Dieser war vorher als Präsident 23 Jahre im Amt gewesen und floh über Umwege nach Saudi Arabien. Babousa wurde zum Symbol für eine ganze Generation in der arabischen Welt, gepeinigt von Arbeitslosigkeit, Polizeiwillkür und Korruption. Sie alle konnten sich mit diesem einfachen jungen Mann, seinen Problemen und seiner vom System aufgezwungenen verzweifelten Lage identifizieren. Angefangen mit Tunesien breiteten sich die arabischen Volksaufstände auch in Ägypten, im Jemen, in Bahrain, Syrien und Oman aus. 

Diese Volksaufstände waren vor allem ein Produkt von jahrzentelangen sozialen Angriffen und auch Maßnahmen aufgrund von Krediten des IWF (Internationaler Währungsfonds) und der Weltbank. Die Massenmedien der imperialistischen Länder stellten den arabischen Frühling jedoch nicht als Resultat der Wut gegen die sozialen Probleme dar, sondern lediglich als Aufstände für Freiheit und Menschenwürde. Damit präsentierten sie zum einen die westlichen Länder indirekt als demokratische und freie Länder ohne Diktatoren und zum anderen versuchten sie auf diese Weise von den universellen Problemen des kapitalistischen Systems abzulenken. Außerdem wurde völlig in den Hintergrund gedrängt, dass man jahrelang – wie auch heutzutage – mit diktatorischen Regimen zusammengearbeitet hatte. 

Die Präsenz vieler kleinbürgerlicher Schichten in den Aufständen, der Einfluss von Kräften wie der Muslimbruderschaft oder auch imperialistischer Länder wie der USA sowie die allgemeine Schwäche der Arbeiter:innenklasse sorgten dafür, dass die Aufstände die Länder nicht grundlegend verändern konnten. Alte Diktatoren wurden gestürzt und neue Diktatoren kamen an die Macht. Das waren und sind die Grenzen von spontanen Massenbewegungen und Volksaufständen, die keine revolutionäre Führung haben. Nur die Arbeiter:innenklasse als revolutionäre Führungskraft der Aufstände hätte einen Systemwandel zur Realität machen könnten, doch diese war unorganisiert, zu wenig präsent und fern von einer revolutionären Ideologie, die ihr eine Perspektive hätte geben können. Die Lehre aus dieser Phase der jüngeren Geschichte bleibt, dass die Notwendigkeit einer revolutionären Partei, die die Klasse der Lohnabhängigen vereint und koordiniert, unumgänglich ist.